ICH GLAUBE; HILF MEINEM UNGLAUBEN! (MARKUS 9,24)

Gedanken zur Jahreslosung von Regionalbischöfin Dr. Petra Bahr

Drei kleine Vögelchen, ein Sonnenuntergang hinter Gebirgskulisse oder zartes Aquarell – auf Karten und Webseiten verschwindet die Jahreslosung in der Niedlichkeit ihrer Illustration. Als müsse man, während der Spruch kräftig verteilt wird, gleichzeitig vor seiner Wucht warnen.

Die Ästhetik mag Geschmackssache sein, der Satz aus dem Markusevangelium, den die Kirchen über das Jahr 2020 stellen, ist es nicht. Er ist einem verzweifelten Menschen in den Mund gelegt, der seinem kranken Kind nicht helfen kann. Es hat sich herumgesprochen, dass Jesus Heilkräfte hat. In seiner Not nimmt der Verzweifelte den Strohhalm, der das Gewicht seiner Verzweiflung eigentlich nicht hält. Die Freunde Jesu zucken mit den Achseln. Sie haben keine Ahnung, was zu tun ist. Das Kind zuckt und windet sich, ein akuter Anfall, es ringt nach Luft. Das Gesicht läuft blau an. Der Vater hält es, so gut er kann. Doch der Wunderheiler heilt nicht, sondern fragt nach der Krankengeschichte, als hätte der Sohn alle Zeit der Welt. „Wenn du etwas kannst, dann erbarme dich und hilf uns.“ Er schreit. Er verliert die Fassung. Nichts ist ihm noch peinlich.

An der Stelle der Satz. Kein Trost, kein Kühlschrankmagnet, der vor dem morgendlichen Kaffee beruhigend wirkt angesichts der Aussicht des Tages. „Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt.“ „Waaaaas?“, denkt der Vater, jetzt mit der wütenden Kraft der Verzweiflung. Und ruft: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Die Pointe der Geschichte scheint klar. Das Kind wird gesund, der Vater auch.

Aber die Pointe vor der Pointe ist das Programm des Jahres. Ein Widerspruch, der unauflösbar zu sein scheint. Ein Glaube, der gerne fest und schön und überzeugend wäre. Das Eingeständnis, dass das nicht so ist. Der christliche Glaube ist ein Vertrauensversuch, der immer wieder scheitert. Keine Weltanschauung, in der man sich seine eigene Deutung der Welt zimmert, stimmig und sicher gegenüber Irritationen, umhegt von einer Institution, die diesen Glauben schützt gegenüber den Erschütterungen, denen Christen ausgesetzt sind, ja, eine Versicherung aus dem Gestern gegenüber den Zumutungen von morgen. Die existenzielle Verunsicherung und das Eingeständnis des Scheiterns menschlicher Glaubensfähigkeit waren einmal der Anfang der Kirche.

Dass Gott sich in einem Menschen menschlich zeigt, voller Passion und Hingabe – wer kann das schon glauben, bei klarem Verstand und wachem Blick für das, was in der Welt geschieht? Vielleicht wäre die Christenheit in unseren Breiten gut beraten, ihre Glaubensarmut nicht länger zu verbergen, sondern sie zuzugeben, wie dieser Vater, nicht zähneknirschend, weil der Glaube der Vorfahren stärker und glanzvoller gewesen wäre. Das war er nicht. Sondern aus Kummer, aus Angst, aus Liebe, ohne Rücksicht darauf, lächerlich oder peinlich oder nicht kampagnenfähig zu sein. „Hilf meinem Unglauben!“ Das wäre dann das Glaubensbekenntnis vor dem Glaubensbekenntnis, vor aller Dogmatik oder Kirchenstrategie. Nicht selbstmitleidig gesprochen oder mit jenem Unglaubensstolz, der an zu viel scheinbarer Vernunft leidet. Der christliche Glaube, wenn er ehrlich ist, geht von seiner Schwäche aus, von der fragilen Gegenwart einer Lebensüberzeugung, die immer wieder neu abhandenkommt.

Daraus ergibt sich eine andere Art des Gebets und des Redens von Gott und eine suchende, fragende Kirche, eine christliche Existenz, die mit Wendungen und Wandel, mit Brüchen und Neuanfängen mehr rechnet als mit der Rettung von Kontinuitäten durch Glaubensfestigkeit.

Ein gesegnetes neues Jahr wünscht Ihnen
Dr. Petra Bahr
Regionalbischöfin für den Sprengel Hannover

Zurück